Der Rest von Hamburg: Die Veddel

Der Weg zur Veddel

Die Veddel ist dort, wo für viele Hamburger eigentlich gar nichtmehr Hamburg ist – südlich der Elbe. Als ich vor zweieinhalb Jahren auf der Suche nach einer WG in Hamburg war, wurde ich vor der Veddel gewarnt. Er würde dort nicht hinziehen, erklärte mir ein Schanzenbewohner dessen Wohnung ich ebenfalls besichtigte, viel zu viel Gewalt gäbe es dort, eine Bekannte von ihm wohne dort, allerdings direkt am Bahnhof, das ginge noch, ausserdem zöge sie bald weg, so schwanger und später mit einem Kind, das ginge nicht auf der Veddel. Aha. Es schien ihm ernst zu sein mit seinen Warnungen, allerdings nicht so ernst, dass er mir seine Wohnung als Ausweg anbot. Entweder war ihm mein Überleben egal oder die Veddel doch nicht so schlimm.
Als ich umzog (und mit mir 2 große Koffer, ein Rucksack, eine Umhängetasche und eine Bettdecke) sprach mich bereits in der S-Bahn ein junger Mann an, ob ich auf die Veddel wöllte, er würde mir dann helfen. Ich dachte kurz über Vorurteile nach aber er trug keine sichtbaren Waffen bei sich – ich beschloss ihm zu vertrauen. Selbst wenn er plante, mich auszurauben, bei der Menge an Gepäck bedeutete das erstmal eine Erleichterung. Und er sähe sicher zauberhaft in meinen Kleidern aus. “Slomanstraße oder Brückenstraße” fragte er noch und brachte dann mein Gepäck und mich sicher in mein neues zu Hause.
Tatsächlich gibt es auf der Veddel noch eins, zwei Straßen mehr. Die Wilhelmsburger Straße. Und den Slomanstieg. Es gibt einen Marktplatz, der sogar über eine Bushaltestelle verfügt, ansonsten aber nur aus einer Schnellstraße, etwas Grünfläche zwischen den Schnellstraßenbögen und einer Tankstelle besteht. Die Veddel hat eben ihren eigenen Charme.
Von Charme zeugen auch die Häuser, ein paar wenige Häuserreihen, vierstockig, rotgeklinkert. Bei der ein oder anderen Reihe bin ich mir bis heute nicht sicher ob sie überhaupt ein Ende hat. In die Häuser integriert sind unter anderem ein Supermarkt, der allerdings meistens zu hatte wenn ich vorbei lief, ein Sparkassenautomat, ein wunderbares Café mit lila Ausstattung, günstigen Preisen und einer grandiosen Brötchenauswahl (und Franzbrötchen, so groß, als arbeiteten sie in der Backstube mit Dampfwalzen), ein Dönerladen und, glaubt man der Presse, seit neustem auch ein Kopftuchfachgeschäft.
Wenn man weggeht auf der Veddel, geht man weg – über die Brücke gen Norden oder ein paar Fahrradminuten südlich nach Wilhelmsburg. Oder ins Zonk. Die einzige Veddeler Kneipe, die so legendär ist, dass ich dort tatsächlich noch nie war. Aber es gibt billiges Bier und Billard. Tatsächlich lädt die Veddel selbst jetzt nicht zum ausgehen ein, aber sie ist großartig zum einmuggeln, für Spieleabende und Gespräche ohne zu laute, schlechte Musik im Hintergrund. Bei schönem Wetter kann man sich an den kleinen Veddeler Hafen setzen oder an die Elbe und rüber schauen, rüber zu diesem anderen Hamburg.
Tagsüber kann man zauberhafte Ausflüge machen, man muss nur erst die Peutestraße bezwingen. Der Lieblingsmitbewohner sagte einst über sie: “Du fährst, fährst, fährst und wenn Du denkst, das kann nicht sein, da kommt nix mehr, dann fährste nochn Stück. Und dann stehste am Deich.” Und genau so ist es. Die Peutestraße zieht sich schier endlos zwischen Industrie hindurch, die Bushaltestellen heißen passenderweise Peutestr. 24, Peutestr. 50 und Peutetr. 72. Am Ende biegt man links ab und ist allein. Allein mit vielen Mücken und Vögeln zwar, aber kein Lärm, kaum Menschen, hin und wieder ein vorbeiziehendes Schiff, ein schweigender Schäfer und viel viel Ruhe. Wenige Minuten von der Haustür.
Die Veddel ist vielleicht nicht das, was man hübsch nennen würde, aber sie riecht, wenn der Wind günstig steht, nach heißem Schokopudding. Sie hat Charakter und eine lange Brücke über die Elbe. Man kann Schiffe tuten hören oder Lastwägen hupen, wer weiss das schon. Ich weiss das nicht, für mich klingt beides nach Abenteuer und der großen Welt. Im Garten (es gibt hier Gärten! So richtig mit Grün und Beet und der Möglichkeit etwas anzupflanzen!!!) schauen manchmal Möwen vorbei und es gibt einen großen, dicken Hund, der Nachts auf der Insel spazieren geht. Die Veddel ist vielleicht nicht schön, aber sie ist ein wunderbarer Ort um nach Hause zu kommen.

mehr Reste von Hamburg gesammelt bei Herrn Buddenbohm: http://www.herzdamengeschichten.de/der-rest-von-hamburg/ 

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3 Antworten zu Der Rest von Hamburg: Die Veddel

  1. Pingback: Der Rest von Hamburg (17) – Update mit literarischem Sonderbonus | Herzdamengeschichten

  2. ABC schreibt:

    Ich stimme absolut zu. Habe zwar nur ein halbes Jahr auf der Veddel gelebt. Aber es war toll! Gibt es noch den schottischen Bäcker?
    Auf der Veddel sieht man im Winter auch Kinder, die mit den selbst gebauten Schneemännern reden :)

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