Wie ich mir einmal beinahe mit Lenny Kravitz die Schwabenplatte teilte…

Stünde Lenny Kravitz plötzlich unangemeldet vor meiner Tür, ich hätte ein ernsthaftes Problem. Ausgebeulte graue Jogginghosen, Pickel im Gesicht, haarige Beine, unpassende Unterwäsche (ausser er steht auf ausgeleierte Schlüpper). Dazu Chaos wohin das Auge blickt. Überquellende Mülleimer, Klamottenberge aufm Boden, zwischendrin Zeitschriften, Teller, Kaffeebecher. Ich könnte Lenny Kravitz nicht reinlassen. Statt wilden, pornösen Sex zwischen Ficus benjamina und dem Brockhaus zu haben, müssten wir also das Haus verlassen. Ich würde ihn bitten kurz zu warten, im Hausflur oder vielleicht doch in der Küche sollte diese nicht von Fruchtfliegen bevölkert sein, würde mir etwas anziehen was ich in diesem Moment für unglaublich hip, passend und perfekt hielte und das mir am kommenden Tag total peinlich wäre, würde bei der Suche danach die Kleiderstapel auf dem Boden, dem Sessel und dem Bett vergrößern und schließlich doch das Haus verlassen. Mit Lenny Kravitz. Doch, wohin? Wohin geht man, wenn Lenny Kravitz spontan vor der Tür steht, und man ihn nicht ins eigene Bett locken kann???? Zum Griechen gegenüber? Nein. Erstens ist die Kellnerin zu hübsch, zweitens will man ja nicht nach Tzaziki duften, wenn man später doch noch in den Laken landet (in der Hoffnung, dass die Mitbewohnerin den Zettel „LENNY KRAVITZ DA! ALLES AUFRÄUMEN! BITTE! BETTWÄSCHE!!! KINDER ZEUGEN!!!!“ richtig versteht). Grieche fällt also aus. Zum Inder? Als einzige Gäste und somit einzige Ansprechartner der netten indischen Gastwirtin, die gerne darauf hin weist, dass sie auch nach Hause liefern? Zu demütigend. Hm… Zum Schwaben? Aber, will man Lenny Kravitz gleich am ersten Abend mit Rostbratwürsten, Maultaschen und Sauerkraut und Linsen konfrontieren? Natürlich würde ich allzu gerne mal den Satz „Damals, als Lenny Kravitz und ich uns die Schwabenplatte teilten…“ sagen, noch lieber möchte ich aber daran glauben, dass Männer wie er nicht pupsen. Niemals. Auch nach Linsen und Sauerkraut nicht. Also lieber keine Experimente. Wir könnten ein Bier in der Absturzkneipe trinken, das dürfte gehen, vorausgesetzt er ist kein Supergesundheitsfreak. Wir könnten in das nette Café mit den vielen Büchern gehen, aber die Gefahr, dass er auf die Bühne springt und mit den Musikern jammt ist zu groß. Wir könnten zu einem der anderen Inder, Vietnamesen oder Thailänder gehen. Aber würden wir dann nicht den ganzen Abend nur über unterdrückte Frauen, Kinderarbeit, Sextourismus, Aids und Kriege reden, statt uns bezaubert in die Augen zu schauen? Vermutlich würden wir beim Italiener landen. Italiener mag jeder und dieser hier macht einfach die beste Pizza. Wir würden uns zwischen Plastikefeu, nostalgischen Italienbildern und Holzvertäfelung an einen der rotweißkarierten Tische setzen, Chianti und Wasser bestellen. Eine Margherita für mich, eine mit Artischocken für ihn. Wir würden italienische Schnulzen hören und uns anschmachten. Zwischen Antipasti, Tiramisu und Grappa würde ich dreimal auf Toilette verschwinden, um den Rest Beinflaum zu entfernen. Rechtzeitig zum Espresso käme eine sms der Mitbewohnerin: „Haha, lustig. Bin beim Yoga. Können morgen gemeinsam aufräumen.“ Ich würde traurig schauen, mir eine Ausrede einfallen lassen und mit halbbehaartem rechten Unterschenkel Lenny Kravitz zur U-Bahn bringen. Danach alleine nach Hause gehen, den Notfalltequila vernichten, die Mitbewohnerin hassen, mit ihr gemeinsam das Bier im Kühlschrank vernichten. Und den Portwein. Ich würde von seinen Augen und seinen Armen schwärmen, mehr bekam ich ja nicht zu Gesicht. Wir würden fluchen und mit dem Amaretto in der Hand anfangen aufzuräumen. Gründlich. Am nächsten Tag würden wir mit drei Schädeln aufwachen Pro Person. Uns mit Aspirin in der Hand und dem Kopf unter Wasser versuchen zu erinnern wo die Pfanne für die Katereier ist. Und der Mülleimer. Und, ähm, die Kleidung. Und woher die Schrammen am Körper kommen. Die blauen Flecken. Wir würden aus dem Fenster schauen, irgendwann, auf den Hof. Die überquellenden Mülltonnen. Die Tüten daneben. Und dahinter. Und uns erinnern, dass wir alles, aber wirklich ALLES was wir nicht wirklich brauchten und ALLES was nicht absolut Lenny Kravitz tauglich war, vorsorglich vernichten wollten. Der Regen hätte uns dabei anscheinend unterstützt. Die Müllabfuhr ebenso. Der Restmüll wäre geleert, die Papiertonne durchweicht, die Kleidertüten nass und matschig. Ich denke, es wäre besser, Lenny Kravitz stünde nicht plötzlich unangemeldet vor der Tür. Vorsichtshalber fang ich aber doch mal lieber an aufzuräumen.

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2 Antworten zu Wie ich mir einmal beinahe mit Lenny Kravitz die Schwabenplatte teilte…

  1. Pit schreibt:

    Eine bewegende Geschichte. Ich hab die ganze Zeit überlegt, was ich wohl machen würde, wenn ich an deiner Stelle wäre. Die Aufgabe ist nicht einfach. Spontan würde ich zu einer ergebnisoffenen Kneipentour raten. Darin sehe ich die einzige Chance, abzuklären, ob der Mann privat überhaupt interessant ist. Denn wenn er das nicht ist, was willst du dann mit ihm. Ich würde das Ganze als Reportage tarnen. Thema „Lenny und das Leben“ (Unterthemen „Lenny am Kiosk“, „Lenny im Museum“, „Lenny beim Schlüpferkauf“ und ja: „Lenny und die Schwabenplatte“ sowie selbstverständlich „Lenny und der melancholische Blick auf [Lieblingsplatz nach Wahl]“). Dazu großzügig Alkohol. Du musst dir vorstellen: Lenny führt das beschissene und völlig entfremdete Leben eines Stars, er hat keine Ahnung vom wahren Leben. Daher könnte es eine gute Idee sein, ihm eine (natürlich idealisierte) Version des „normalen und wahren Lebens“ zu präsentieren. Und ihn nebenbei solide betrunken zu machen. Funktioniert garantiert. Das einzige, was du dir einschärfen musst: Nie und unter keinen Umständen und egal mit welchem Alkoholspiegel darfst du dich dazu versteigen, ihm deine selbst geschriebenen Songs vorzusingen!!!

  2. Hary bo Dega schreibt:

    Sind wir nicht alle ein wenig Kravitz? Aber endlich ein Beitrag, der uns die Angst nimmt, sie lässt uns deshalb nicht ins Zimmer, weil sie uns nicht mag. Es sind eben einfach immer meist die profanen Gründe, die einer großen Liebe im Weg stehen. Schlimmer wäre nur, wenn nach dem Wow-du-bist-es-komm-rein-Gruß, der erstbeste Pizzarest eine Ausrutsch-Unfall verursacht.

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