Draussen nur Kännchen, drinnen nur Eimer?

Das mit dem Kaffee ist so eine Sache… Und damit meine ich jetzt noch nicht mal die Sache mit dem Kaffee an sich… Wobei… Doch, ein bisschen doch. Ich bin selber ein begeisterter Kaffee mit Schaumgedöns trinker. Und das nicht erst seit dieser an jeder Straßenecke feil geborten wird. Mein erstes Kaffeeerlebnis (abgesehen von nippen an Mutters Filterkaffee, begleitet von angeekeltem Gesichtsverziehen) hatte ich in Süditalien. Es war früh am Morgen, Muttern organisierte wie jeden Tag das Frühstück an der Bar (Un caffè, un cappuccino, due bombe, un succo di pesca e un latte caldo), als der Mann hinter der Bar beschloss, dass das 15 jährige Mädel jetzt aber wirklich zu alt sei für heiße Milch, und beherzt einen Schwupp Espresso ins Glas goss. Er tat das von nun an jeden Morgen, völlig ungeachtet der Versuche meiner Mutter wirklich nur heiße Milch für mich zu bekommen. Nun gut, ich gewöhnte mich daran, recht schnell sogar, was zum einen daran lag, dass es in der Tat nicht übel schmeckte, zum anderen aber vielleicht auch an der massiven Statur des streng aussehenden Barchefs.
Zurück in Deutschland begann dann auch recht bald die Latte Macchiato Ära, wie gemacht für uns spätpubertären Haufen, konnten wir uns doch ganze Nachmittage an diesem einen großen Glas fest halten, am Strohhalm rumzuppeln, rumpanschen, und uns fühlen wie die großen. Nur cooler. Italienischer Fachausdruck statt Filterplörre praktisch.
Meinetwegen hätte die Kaffeeevolution dort halt machen können. Was will man denn allen ernstes noch mehr? Kaffee und Milch, heiß, Schaum, lecker. Punkt. Reicht doch. Aber wie immer kam mehr. Halbfett. Entkoffeiniert. Sojamilch. Aromen. Nuss, Vanille, Zimt… Was einst als koffeinhaltiges Heißgetränk begann, wurde mehr und mehr zu einem Eintopf. Man nimmt alles was irgendwie süß ist, mit Kaffee kombinierbar und mixt es. Statt den Schokolebkuchen zum Kaffee zu essen, wird er püriert, versirupt und in den Kaffee gemixt. Zusammen mit lowfatmilk hat das ganze dann ja auch keine Kalorien. Klar. Sehr praktisch.Den Glauben an die Menschenheit verlor ich auch nicht als mir klar wurde, wielange die CDU tatsächlich schon in Baden Württemberg regiert, oder als Anja mir im zarten Grundschulalter erklärte, dass es den Osterhasen nicht gibt, ich verlor ihn, als neben mir eine Frau einen entkoffeinierten Milchkaffee ohne Milchschaum bestellte.

Wie absurd die heutige Kaffeekultur auf ältere Menschen wirken muss, wurde mir klar, als ich meine Großmutter besuchte. Zu dieser Zeit sahen wir uns häufig, der Großvater war schwer krank, wir hielten uns mit Kaffee auf den Beinen. Filterkaffee aus kleinen Porzellantässchen. Diesen überdrüssig schlug ich eines Tages mit einem Coffee to go bei ihr auf. In Berlin fast schon Alltag, dort Luxus. Im örtlichen Einkaufszentrum hatte ein Italiener angefangen, Cappuccino in Pappbechern mit Plastikdeckel zu verkaufen. Großmuttern sah erst mich erstaunt an, dann den Becher. Was das sei, wollte sie wissen, ihrTonfall hätte eher auf eine rotgrün gemusterte Schlange um meinen Hals schließen lassen. „Cappuccino“ erklärte ich, „ach, Kaffee???“ fragte sie, musterte den Becher, fragte ob sie mal riechen dürfe. Roch. „Ja, das ist Kaffee“ bestätigte sie mich, und wollte wissen, was ich mit dem Becher mache, wenn er leer ist.
Im Hause meiner Großeltern findet sich nicht nur ein Teeservice sondern natürlich auch ein Kaffeeservice. Tasse, Untertasse, Kuchenteller. Immer wenn es Kaffee gab, morgens zum Frühstück, vormittags zwischendurch zum Zeitunglesen oder Nachmittags zum Kuchen, wurde dieses Service aufgedeckt. Kaffee aus etwas anderem zu trinken war undenkbar. Genauso undenkbar wie die Untertasse weg zu lassen. Meine Mutter, eine eigentlich eher unkonventionelle Person was den Haushalt betraf, hatte, natürlich, auch so ein Kaffeeservice. Zwar aus massivem dunkelroten Steinkrams statt aus filigranem Porzellan, aber, was muss, das muss. „Woraus sollen denn sonst die Gäste trinken?“ Und so ließ sie es sich nicht nehmen, wenn Gäste kamen alles mit ihrem Kaffeeservice vollzuschmücken. Egal wieviel lieber alle Beteiligten, einschließlich ihr, lieber aus großen Pötten getrunken hätten wo wirklich was reingeht, es gehört sich eben so. Wenig verwunderlich also, dass eines ihrer Einzugsgeschenke in meine erste eigene Wohnung ein Kaffeeservice war. 12 Teilig. 4 Tassen, 4 Unterteller, 4 Kuchenteller. „Wenn Du mal Gäste hast…“ Nun ja, ich habe Gäste. Sie trinken den Rotwein aber dann doch lieber aus Gläsern. Ohne Untertassen….

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