Ein paar Gedanken zu HIV/ Aids

In wenigen Tagen ist wieder Welt Aids Tag. Ehemalige Rapper und Schauspielerinnen, die eigentlich Ärztinnen sind, werden von Plakatwänden daran erinnern, vielleicht wird Philadelphia im Fernsehen wiederholt, man steckt sich wieder seine rote Schleife an die Jacke oder die Tasche und findet sich gut, weil man das ja schon unterstützt, das gegen Aids, obwohl es einen ja nicht betrifft. Überhaupt betrifft Aids ja fast niemanden. Zumindest in meinem Bekanntenkreis. Fixer sind meines Wissens nicht dabei, Prostituierte auch nicht. Schwule, klar, aber nicht aus der Szene. DER Szene. Die wo alle wild rumvögeln, in darkrooms, wahllos, hauptsache gefickt. Die meisten meiner Freunde und Bekannten sind Heterosexuell, oft in Beziehungen, manche vielleicht auch treu. Alle sind sie mit dem Wissen um HIV/Aids aufgewachsen. Aufklärung in der Schule, Biologie, Religion, Statistiken, so funktionieren Kondome. Wer in der Schule nicht aufpasste, wurde in der Bravo dran erinnert. Oder durch Filme. Aids war aber immer das, was die anderen haben.

Als ich etwa 14 war starb ein Bekannter meiner Mutter an Aids. Sie besuchte ihn noch wenige Tage vor seinem Tod. Zwei Monate später meine erste Demo. Ein Trauermarsch durch Stuttgart. Erinnerung an all diejenigen, die in diesem Jahr an der Krankheit bzw. an den Folgen gestorben waren. Es war dunkel, regnerisch. Ich war aufgeregt weil ich direkt danach in die Schuldisko wollte, erinnere mich aber noch gut an diese unglaublich schöne, friedliche Stimmung. Ich bekam eine rote Schleife, die ich lange an meiner Jacke trug. „Heh, was isch des? Hasch Du Aids?“ wurde ich daraufhin häufiger in unserer schwäbischen Kleinstadt gefragt. Ich schob es auf mangelnde Bildung, mangelnde Aufklärung, vielleicht auch auf den Migrationshintergrund, erklärte was von Solidarität, schaute in unverständliche Gesichter.

Ich wurde älter, lernte Männer kennen, wir kamen uns näher, und ich lernte die Welt nicht mehr zu verstehen. „Ich pass auch auf…“ „Ich kann nicht mit Kondomen…“ „Ich fühl da nichts…“ waren vermutlich die drei häufigsten Sätze die ich in der Horizontalen hörte.
Direkt auf HIV / Aids angesprochen, kam meistens ein „Nein, hab ich nicht, wieso?“, sich testen lassen hatten aber die wenigstens. „Das mach ich dann wenn’s mir schlecht geht, und ich den Verdacht hab ich könnte positiv sein…“ Ich ersparte mir meist den Diskurs über untreue Exfreundinnen, Übertragungswege, beharrte auf Kondomen oder verließ das Feld bei Uneinsicht.

Ich will nicht moralaposteln, auch ich war schon unvorsichtig. Vertraute in dem Wissen, dass man sein Leben eigentlich nicht jedem anvertrauen kann. Und war erleichtert, wenn nach dem Blutspenden kein Brief kam. Und ich ärgere mich über jedes Mal wo ich schwach wurde. Aber es erschreckt mich, für wie viele Leute das normal ist. Nicht für Dorfbratzen, nicht für Hinterwäldler, für Leute, mit denen ich tagtäglich zu tun habe, die ihr Essen im Bioladen kaufen, sich um ihre Gesundheit kümmern, sich gegen Grippe impfen lassen, der Gesundheit wegen nicht rauchen, kein Fleisch essen… Wir leben in einer Großstadt, haben wechselnde Geschlechtspartner, sind in den Neunzigern aufgewachsen, und glauben an das Gute im Menschen? Das ist es, was mich ehrlich erschüttert. An die prolligen Jugendlichen, die meinen Aids sei eine Sache für und von Schwulen hat man sich gewöhnt, auch an die Erwachsen, die Aids für ein Gerücht halten. Noch nicht aber an diejenigen, die es besser wissen MÜSSTEN.

Einmal im Jahr ist Welt-Aids-Tag, aber für Infizierte ist jeden Tag Aids-Tag, so oder so ähnlich lautete einmal ein Slogan der Aids-Hilfe. Daran sollten wir denken. Nicht täglich, aber immer dann, wenn wir mit jemandem ins Bett gehen, dessen negatives Testergebnis wir nicht kennen.
Und an die, die es schon erwischt hat, egal aus welchen Gründen, an die sollten wir am 1.12. denken und ein paar Cent, vielleicht auch ein paar Euro in die Büchsen der Sammler werfen. Um zu helfen und vielleicht auch um unser schlechtes Gewissen zu beruhigen…

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