Ein ganz persönlicher Jahresrückblick

Ich war noch nie gut im Abschiednehmen. Geht es zurück aus dem Urlaub sitze ich regelmäßig heulend im Auto / Zug / Flugzeug. Werden Menschen zurück gelassen endet das regelmäßig in Tränenorgien, in die dann gerne auch unschuldige mit rein gezogen werden. Mich von etwas liebgewonnenem trennen… ein Drama. Schon immer. Neu ist, dass diesmal auch ein ganzes Jahr davon betroffen ist. Dass 2010 in wenigen Stunden unwiderruflich für immer zu Ende geht, sorgt für leichte Panik hier.
Früher, als der Ex und ich noch zusammen waren, und zusammen glücklich waren, schmiedeten wir Zukunftspläne. Heirat, Kinder, alles inbegriffen. Ich versuchte bei diesen Plänen immer das Jahr 2010 aus zu sparen, alles wichtige sollte davor oder danach passieren, ich mochte die Zahlenkombination nicht. Undenkbar dass ein wichtiges Datum in diesem Jahr läge. Wir trennten uns, Zukunftspläne verschwanden irgendwo und vor einem Jahr war ich einfach nur froh, dass 2009 zu Ende ging. 2010 sollte DAS Jahr werden, ich hatte eine Trennung hinter mir, eine Praktikumszusage in der Tasche, es MUSSTE einfach großartig werden. Großartig und anders. Und genau das wurde es.
Schon Silvester, dieses unsägliche, überbewertete Fest von dem ich so wenig erwartete, übertraf alles. Ich tanzte, knutschte, trank, sah einen Kapitän mitten in Neukölln. Der Knutschpartner erwies sich auch nüchtern, und nach einigen Wochen auch tagsüber, als Glücksgriff. Der lustigste, gechillteste Mann der Welt, der ohne Kaffee ähnlich unbrauchbar war wie ich. Ich begann mit Sport, reiste zwei Wochen durch Mexiko, ging nach Hamburg, in eine Stadt in der ich niemanden kannte, in der mich ein Praktikum und eine WG in einer Gegend in die niemand ziehen wollte, erwartete. Hamburg war ein Glücksgriff. Ich erlebte so viel in dieser Zeit. Konzerte von Prince, Gisbert zu Knyphausen, Olli Schulz und Bernd Begemann. Ich fragte Niels Frevert nach dem Weg zur Toilette und starrte Wochen später ein ganzes Konzert lang seinen Arsch an. Ich war auf Festivals, teils zum arbeiten, teils zum feiern, lernte Bierflaschen mit Gabeln und Suppenkellen zu öffnen, ließ mich das erste Mal tätowieren, sah Sternschnuppen und Schiffe. Ich machte Maultaschen selber und die Menschen die mich mochten behaupteten sie schmeckten.  Ich arbeitete viel, schrieb viel, lernte viel. Lernte Kunst lieben. Lernte wenige aber dafür wunderbare Menschen kennen. Und jeder einzelne von ihnen, seien es meine WGler, die Nachbarn, die Chefs, der Dachdecker, der Hinterzimmermann oder der Kerl von der Küste, jeder von ihnen ist so einzigartig und mir so wichtig geworden, dass es ein kleines Drama wurde, als ich nach vier Monaten zurück musste…
Durch all das Neue ging das neue Alte kaputt, was wirklich schmerzt, war er doch Anker in einer Stadt in der es keinen Hafen gibt.
Zurück in Berlin wurde gearbeitet, viel, eine Messe jagte die nächste und ich lernte jemanden neu und besser kennen… Ein Stiesel, der so voller Liebe ist, dass es einem Tränen in die Augen treibt.
Zwischendurch mein Geburtstag, der eigentliche Tag voller Sonnenschein in Hamburg, mit selbstgemachtem Kuchen, viel Liebe, viel Freude und Raketen, die nur für mich gezündet wurden. Die Party danach mit Menschen die extra deswegen in die Stadt kamen. Mit Menschen, die ich vorher nicht kannte, die sich aber als wahre Perlen rausstellten. Ende Oktober eine Pressereise nach Bulgarien. 4 Tage wildes durchs Land gefahre, Busfahrten, die nur durch Essen, trinken, oder Sehenswürdigkeiten unterbrochen wurden. Der erste Schnee und der Wunsch fürs Reisen und drüber zu schreiben bezahlt zu werden.
Weihnachten, dieses stressgefüllte, ungeliebte Fest, das dieses Jahr so wunderbar wurde durch den Onkel der immer bereit war zu einem weiteren Glas Wein, der so viel erzählte, mit dem man so gut reden und rodeln konnte.
2010 war voller Ereignisse, voller Erlebnisse, voller Menschen und es scheint unmöglich, dass 2011 auch nur annähernd so großartig werden könnte. Es ist nur eine Zahl, aber 2010 war so viel mehr… Ich hatte das erste Mal Vorsätze und habe einige von ihnen tatsächlich auch eingehalten. Das ganze Jahr hindurch. Andere werden nach 2011 durchgeschleppt.

Um Mitternacht wird sicher eine Träne fließen, vielleicht auch zwei. 2010 war großartig, aber 2011 hat verdammt nochmal auch Potential… Ich werde noch neuneinhalb Monate lang 29 sein, eine Reise nach New York ist fest gebucht. Ein Opernbesuch, und eine Hochzeit stehen an, die dritte Staffel von Doctor’s Diary kommt im Fernsehen. Es wird Zeit sich wieder mehr den Freunden zu widmen, die 2010 etwas untergingen, mit ihnen zu trinken, zu reden, Maultaschen oder Spätzle zu kochen. Ein Umzug ist geplant. Es wird nicht langweilig werden. Und im Endeffekt liegt es wohl nicht an Ziffern, es liegt an mir. Auf gehts…

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Eine Antwort zu Ein ganz persönlicher Jahresrückblick

  1. Pit schreibt:

    Ich hab deine Beschreibung gelesen. Ganz bis zu Ende aufgelesen sogar, was ich nicht häufig mache, wenn ich jemanden nicht kenne. Da kommt schon was rüber …. Danke.

    Ich wünsch dir eine gute Zeit und auch die Siege, die du dir wünschst. Und du hast recht: dieses 2011 ist nur eine Zahl. Der einzige Kalender, der wirklich zählt, ist der immerwährende Berta-Helm-Kalender. Und von Fern wirkt es, als ob deine Betrachtung der verstrichenen Tage eine gute Basis für das ist, was kommt.

    Ich wünsch dir ein richtig geiles kommendes Jahr.

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