Vom Lachen und Lieben

Als ich erfuhr, dass alles scheiße aussieht, war ich gerade Erdbeeren kaufen.  Ich saß vor dem Supermarkt auf der Bordsteinkante während Muttern die Details durchs Telefon erklärte. Müde, Blutkörperchen, Untersuchung, schlechte Werte. Dass mein Großvater Leukämie hatte, war nichts neues, aber wir gingen davon aus, dass es wie bei vielen älteren Menschen verlaufen würde. Relativ harmlos, über Jahre hinweg. Mein Großvater war fit, legte innerstädtische Strecken eigentlich immer mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurück, ging mehrmals die Woche schwimmen und in die Sauna. Dennoch am nächsten Tag derAnruf. „Willst Du die schonungslose Version, oder die, die ich nachher Deinem Onkel erzähl?“ Ich wählte schonungslos und weinte. Wenige Wochen noch. Jederzeit Tod durch Nierenversagen möglich. Keine Chemo, keine Knochenmarktransplantation, macht alles keinen Sinn mehr.
Ich schlich aus der Uni, saß weinend im Park, rief den Ex an. „Lass später mal reden, wir grillen gerade, mach Dir keine Sorgen, das wird schon.“ Leben war wichtiger als der Tod. Die nächsten 3 Monate ein ständiges Hin und Her. Berlin, Stuttgart, Trauer, Glück, Übermüdung, Ausgelassenheit, Funktionieren. So viele Momente die sich eingebrannt haben in die Erinnerung.
Unvergessen der Moment als mein Großvater den Arzt bat, doch bitte sein Bestes zu geben, schließlich müsse er sich noch um seine Frau kümmern. Unvergessen der kurze Ausflug mit Freunden nach Brandenburg. Das Glück und ein Lachen, das mich durch die kommenden Wochen und Monate trug. Unvergessen das nächtliche Gespräch mit einem Freund. Stundenlang redeten wir, lachten, schwiegen, er bereitete mich auf das vor, was kommen würde. „Du denkst, es ist jetzt hart. Du denkst es wird hart, wenn er dann wirklich stirbt. Du denkst, die Beerdigung wird die Hölle, aber das Schlimmste kommt erst, wenn alles vorbei ist.“ Er behielt Recht.
Unvergessen der Blick meines Großvaters als ich ihn das erste Mal im Krankenhaus besuchte. Diese Rührung, dass ich tatsächlich 700 km geflogen war, nur um nach ihm zu schauen. Diese blauen Augen und seine Hand die mich nicht los ließ. Sein  schelmisches Grinsen, als ich ihn in die Kurzzeitpflege brachte, und er der Schwester erklärte, er möge keine Kutteln. Das war unser Familienwitz. Der verwirrte Ausdruck im Gesicht der Schwester, als ich fragte, ob es WLAN gäbe in der Pflege. Nicht für mich, für ihn.
Unvergessen wie wir ihn ins Hospitz brachten, Muttern und ich, und er am Fenster stehend wartete, um uns nachzuwinken. Nie habe ich mich so schlecht gefühlt, wie in diesem Moment. Er war noch nicht so weit. Er war kein Mann fürs Hospitz. Morgens hatte er noch am Schreibtisch gesessen, seine Mails gecheckt, und nachmittags war er dann in diesem Gebäude mit bunten „fröhlichen“ Wänden, schreienden Menschen, Plüschvögeln an der Decke. Nach ein paar Tagen holten wir ihn wieder nach Hause. Verrückten die Möbel im Schlafzimmer, stellten ein Krankenbett und unser Leben dort hinein.
Ich saß häufig an seinem Bett, genoß die Momente. Wir tauschten Zeitungsseiten aus, diskutierten, lasen, schwiegen, er schlief über der Zeitung ein, ich schälte Äpfel, sortierte seine Medikamente.
Unvergessen sein Strahlen wenn wir ihm Espresso aus der Krankenhauscafeteria ins Krankenzimmer brachten. Unvergessen der Moment, als wir erfuhren, dass er alleine einen Ausflug auf die Dachterrasse gemacht hatte, er wollte nochmal Stuttgart, seine Heimatstadt von oben sehen. Unvergessen seine Freude über die Dosensuppe, die ich ihm vom Einkaufen mitbrachte. Sein Blick, als er den Brief des Exfreundes an ihn gelesen hatte.
Von seinem Bett in der Klinik sah er auf die Stuttgarter Weinberge, als er wieder zu Hause war, war sein dringlichster Wunsch ein Glas Wein, Stuttgarter Riesling sollte es sein. „Trinkemr nochn Schluck?“ fragte er  häufig, und wir tranken. Jedesmal mit dem Wissen im Hinterkopf, es könnte das letzte Mal sein. Ich erinnere mich nicht mehr an unseren letzten Wein.
Es ging bergauf und bergab mit ihm, drei Monate lang. Chemo war zwischenzeitlich doch möglich, aber der Krebs war stärker. Stärker als wir alle zusammen. Wir wussten, was auf uns zu kommt, und wir konnten damit umgehen. Alle zusammen. Konnten auf dem Balkon sitzen, mit einer Liste die er, der Organisator alles Sachlichen in weiser Vorsicht schon vor Jahren erstellt hatte. „Im Falle eines Todes“ so der Titel. Hier war alles aufgeführt, die Adresse und Telefonnummer der Bestatterin genauso wie die Erinnerung doch bitte das Zeitungsabo zu kündigen. Sein Beerdigungswunschlied und ein Hinweis auf alle Unterlagen, die für eine Bestattung von Nöten sein werden. Wir gingen die Liste durch, planten mit ihm seine Beerdigung, lachten und dennoch fühlte es sich nicht richtig an.
Nicht richtig an fühlten sich auch die Fragen nach seinem Alter an. Wie ein Reflex kam diese Frage immer, wenn ich erwähnte, dass mein Großvater sehr krank sei. Meist mit der Erwiderung, dass er ja immerhin schon vieles erlebt hätte, langes Leben und so. Es sollte ein Trost sein, aber jedes Mal wollte ich brüllen, dass 82 für einen Mann wie ihn viel zu jung sei. Dass er noch so viel zu geben hatte, soviele unerzählte Geschichten, soviele unerlebte Momente, soviel Lebenslust und Wissensdurst noch. Soviel Liebe zu geben, soviel Fürsorge seiner Frau gegenüber.
Er kämpfte bis zuletzt, kämpfte um jeden Tag, um jede Stunde aber irgendwann war klar, dass er nicht mehr lange kämpfen können würde. Eine Freundin der Familie rief an, wollte Gutes tun, schickte Kuchen. Drei ganze Kuchen. Der Onkel war da, der Großvater war zu schwach zum laufen also hieften wir ihn in den Rollstuhl. Die Fußteile fehlten, ich hob seine Füße hoch, der Onkel schob, wir lachten. Saßen im Wohnzimmer, aßen den Kuchen, tranken Kaffee. Mein Großvater war müde aber glücklich in diesem Moment, so schien es. Er fragte nach seinem Fotoapparat, wollte diesen Augenblick für immer festhalten, machte Fotos von mir. Er war zu schwach, den Auslöser zu drücken, der Onkel half. „Scheiße“ sagte der Großvater. Es war eines seiner letzten Worte.
Er starb nachts zu Hause. Seine Frau lag neben ihm im Ehebett, dem Bett, in dem sie ihre ganze Ehe hindurch geschlafen hatten. Der Onkel und ich saßen auf dem Balkon, redeten, tranken Bier, betranken uns. Beobachteten das Wetterleuchten über der Stadt. Es war die schönste Nacht des Jahres. Ich ging heim, schlief, wurde vom Donnern wach. Dann das Telefon.
Die Trauerfeier war wie eine Zusammenfassung der letzten Monate. Bandkollegen meines Onkels kamen mit dem VW-Bus aus Saarbrücken, er fuhr, sie saß hinten und übte für den nächsten Gig. Nachbarn, Freunde, Kollegen, Verwandte. Die Pfarrerin predigte mit schwäbischem Akzent, lachen und weinen wechselten sich ab. Dankbarkeit und Trauer gingen Arm in Arm.

Es gibt zwei drei Bilder, die mir alles bedeuten. Eines zeigt den Großvater mit dem Exfreund auf der Kuppel des Reichstages. Man sieht Berlin im Hintergrund, der Großvater erklärt, der Ex hört zu. Es ist so typisch. Es ist das wichtigste Bild, das ich jemals gemacht habe. Und ich bin so dankbar, dass er mit 81 Jahren 700 Kilometer fuhr, um zu sehen, wie und wo ich lebe.
Das zweite Bild ist ein Familienbild. Unser letztes Weihnachten zu sechst. Sechs Monate vor der Diagnose, neun Monate vor seinem Tod. Ich sehe aus wie eine Speckschwarte in einem Ballkleid, ein Onkel strahlt, der andere Onkel schaut wie immer auf Fotos: gleichmütig. Muttern schaut müde und gereizt, ihr typisches Familiengesicht, meine Großeltern bemühen sich, nett zu schauen.
Das dritte Bild haben wir am Abend der Trauerfeier aufgenommen, wenige Tage nach dem Tod. Abends waren alle Gäste weg und wir gingen zu fünft zum Chinesen, dem Lieblingsrestaurant meiner Großeltern. Wir stehen im Aufzug, dichtgedrängt, ich halte die Kamera so weit wie möglich weg. Wir lachen.

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