Mitleben

Ich habe einen neuen Mitbewohner und knapp drei Stunden nach seiner Ankunft reden wir noch miteinander. Dies darf als Erfolg gewertet werden, ist er doch in etwas weniger als dreieinhalb Jahren Mitbewohner Nummer 12. Die Vierer-WG in Hamburg nicht mitgezählt.
Mitbewohner 1 und ich zogen aus amourösen Gründen zusammen. Wir wollten tun, was alle Pärchen so tun, Zeit miteinander verbringen, über den Abwasch streiten, „unsere“ Serie schauen. Wir taten, was viele Pärchen tun, wir trennten uns.
Mitbewohnerin Nummer zwei kam. Ich war erschüttert ob der vorangegangenen Trennung und unentschieden, mit wem oder was ich leben wollte, also nahm ich die, die am nachdrücklichsten per Email schilderte, warum sie einziehen wollte. Sie blieb 6 Wochen bevor sie zurück nach Italien ging. In der ganzen Zeit hörte ich nicht mehr von ihr als das Schließen der Tür und das Brummen ihres Lockenstabes.
Mitbewohnerin Nummer 3 kam, und es war Liebe auf den ersten Blick, zwischen ihr und der Wohnung, ihr und mir, alles passte. Wir richteten uns zwischen Ouzo, Couscous und Tee ein wie ein altes Ehepaar und lebten gemütlich vor uns hin, immer mit dem Plan, eines Tages einen Elefanten in unser Leben einzugliedern. Fünf Monate später war ihr Praktikum vorbei, sie kehrte zurück nach Süddeutschland mit dem Versprechen, wiederzukommen. Ein unvorhergesehener Aufenthalt am anderen Ende der Welt hindert sie bis heute daran.
Mitbewohner Nummer 4 zog ein, eine vierwochen Übergangslösung. Ich sah ihn ähnlich oft wie Nummer 2 allerdings besaß er keinen Lockenstab.
Nummer 5 kam den weiten Weg aus Südamerika in den kalten Berliner Winter, um hier seiner Karriere nach zu gehen und ich lernte, dass auch Menschen ohne Kopfbehaarung es durchaus schaffen, ein winziges Bad innerhalb von 2 Tagen komplett vollzuhaaren. Ohne es zu putzen, versteht sich. Wir hielten es ein halbes Jahr miteinander aus und weinten uns gegenseitig keine Träne hinterher.
In der Zwischenzeit hatten Nummer 1 und ich uns ausgesöhnt und wollten uns und der Wohnung noch eine Chance geben, aus diversen Gründen allerdings nicht sofort, also sollte wieder ein Übergangsmitbewohner her.
Nummer 6 war Filmstudent, jung, ambitioniert, irgendwie lieb in seiner Jugendlichkeit und so selten zu Hause, dass wir keine Zeit fanden, uns nicht zu mögen.
Nummer eins und ich suhlten uns in Uneinigkeit was uns und die Wohnung betraf, also zog Nummer 7 ein.
Nummer 7 war begeisterte Studentin eben jeder romanischen Sprachen, die mein Studium nicht abdecke. Es schien alles zu passen, wir skypten, telefonierten, schrieben Emails, und dann machte sie einen einzigen Fehler als sie einzog. Sie erwähnte, dass sie Lissabon langweilig fand. Meine Begeisterung sie betreffend war dahin was sie allerdings nicht merkte, zu sehr war sie mit Praktikum, Sport und dem wöchentlichen Pendeln in die Provinz beschäftigt. Die Liebe zog sie nach kurzer Zeit wieder fort.
Nummer 8 war ein Schnellschuss, es war Semesterbeginn, ich brauchte jemanden für das Zimmer und hatte innerhalb eines halben Tages 40 Zuschriften plus ein Erstsemester, das mich in der Uni ansprach, ob ich die mit dem Zimmer sei. Ich wollte in den Urlaub und hatte genau einen Tag Zeit jemanden zu finden. Nahezu willkürlich zog ich aus dem Stapel Emails eine raus, lud sie ein und sie war es. Bei der ersten Wohnungsbesichtigung bot sie sich an, den Müll mit runter zu nehmen, am nächsten Morgen trug sie bereits meinen Koffer auf die Straße. Sie brachte mir Österreichisch bei und kochte Kässpätzle. Auch sie zeigte sich gewillt, nach Beendigung ihres Praktikums wieder nach Berlin zurück zu kehren und fest einzuziehen, leider hindert auch sie ein Auslandsaufenthalt bis heute daran.
Nummer 9 war ein Hupfdöhlchen, fest verankert in ihrer eigenen Welt aus Glamour, Twitter und „die Liebe… ach, ich sags Dir…“ sie buk hier ihren ersten Kuchen, bot an, mir beim putzen zu assistieren und kam gerne dann mit dreckigen Schuhen vom joggen zurück, wenn ich gerade geputzt hatte. Falls sie nicht mal wieder den Schlüssel verloren hatte. Die Schlüssel konnte ich nachmachen, einen Teil der Miete schuldet sie mir immernoch.
Nummer 10 war eine Wohltat danach. Herzlich, bodenständig, sie konnte putzen, kochen und schweigen. Die perfekte Frau, und hätte sie nicht die Karriere in die Nähe einer Landesgrenze gezogen, ich hätte sie behalten.
Nummer 11 wählte ich auf Grund von Emails aus, die mich zum lachen brachten. Wir hätten Brieffreunde statt Mitbewohner werden sollten. Nach 2 Stunden reden nervte er mich, bei seinem Lachen bekam ich Eiter, und als er anfing mir nachts sms zu schicken weil ich schlafen statt ihm zu hören wollte, war meine Grenze erreicht. Er beendete unser Zusammenleben Monate später, indem er mir morgens mitteilte, was er mir schon seit 2-3 Wochen sagen wollte, dass er spontan, kurzfristig, heute ausziehen müsse. Wir werden keine Freunde bleiben.
Nun also Nummer 12… Es bleibt spannend…

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