Kirchen

Kirchen sind toll. Ich gehe gerne in Kirchen. Sie sind meistens sehr ruhig, riechen auf eine eigentümliche Art und Weise beruhigend und es gibt viel zu sehen. Ich mag Kirchen. Amerikanische Kirchen sind aber irgendwie… anders. Da die erste Kirche, die ich besuchte gleich die drittgrösste christliche Kirche der Welt (laut Wikipedia) war, schob ich ihr anderssein darauf. Dann besuchte ich Kirche Nummer zwei. Die St. Patricks Cathedral. Ich ging rein – und wieder raus. Das wars. Es war nicht andächtig, es war nicht ruhig, es war nichts. Innen an der Tür wurden lustige Gruppenbilder gemacht. Ich finde Gruppenbilder in Kirchen, solange weder eine Braut noch ein Chor integriert sind, immer etwas unangemessen. Aber vielleicht bin ich einfach ein bisschen verstockt und konservativ. Ich verzichtete also darauf, herauszufinden ob hinter einer der Säulen ein Hot Dog Verkäufer auf Kundschaft wartete oder neben dem Beichtstuhl eine Starbucksfiliale eröffnet hatte, und verließ das ehrwürdige Gebäude wieder.

Kirchenbildschirme

Kirche Nummer drei betrat ich durch die Hintertür. Toiletten und Desinfektionsspender statt Heiligkeit. Im Hauptraum ein Cellokonzert. Sehr schön, sehr besinnlich. Weniger besinnlich waren die Flachbildschirme, die an den Säulen hingen. Aber man muss ja schliesslich auch was sehen für sein Geld.

Kirche Nummer vier war ein amerikanischer Traum aus weißem Marmor und Wänden in Bonbontönen. Pastellblau und Pastellrosa. Helle Kronleuchter baumeln von der Decke. Himmlisch. Nicht. Die Kirche ist allerdings weniger bekannt für ihre grandiose Innenausstattung, sondern dafür, dass George Washington hier nach seiner Amtseinführung betete. Und dafür, dass hier die Helfer nach dem 11. September Zuflucht fanden. Saint Paul’s ist nur wenige Meter vom ehemaligen Standort des World Trade Centers entfernt, und nach dessen Einsturz wurde hier Hilfe organisiert. Es gab Essen, Masseure, Betten (frische Bettwäsche, Kuscheltier und Weckservice inklusive), die Möglichkeit zu reden und zu schweigen. Durchzuatmen, neue Kraft zu schöpfen. Heute erinnern noch Bilder daran, Kratzer in den Bänken von den Schnallen der Uniformen, die oftmals nicht ausgezogen wurden, ein Bett steht noch da, es hängen noch vereinzelte Plakate dort. Vorstellbar ist das ganze dennoch nicht. Nicht, weil generell nur schwer vorstellbar ist, wie es gewesen sein muss, sondern weil die ganze Kirche permanent nach Frischereiniger riecht, den ein hübscher schwarzer Mann großflächig auf Marmorsäulen und Erinnerungssteinen sprüht. An den Säulen stehen Klenexpackungen, die meisten davon leer. Statt dreckigen, staubigen erschöpften Männern sitzen hier jetzt übergewichtige, pubertierende Jugendliche in I heart NY  Pullis. Lediglich das rumpeln der Metro unter dem Boden bringt ein wenig gensundes Leben in diesen sterilen Ort. Er soll eine Erinnerung sein, aber er wischt zugleich alle Erinnerung mit möglichst viel Reinigungskrams weg. Es ist merkwürdig hier.

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