Warum Gespräche mit Zimmerpflanzen unterschätzt werden

Die Zimmerpflanze

Ich war auf einer Twitterparty. Ich mag Parties, ich mag Twitter, eine Verbindung von beidem schien also durchaus Sinn zu ergeben. Der Mitbewohner warnte mich, er kenne die Leute, er kenne die Parties, es würde sich nicht lohnen, dafür das Haus zu verlassen, es gäbe sinnvollere Dinge, die man an einem Wochenende abends machen könnte. Eine gepflegte Konversation mit einer Zimmerpflanze beispielsweise. Lesen, schreiben, schlafen. Er saß hinter einem Stapel Zeitungen am Küchentisch und entwarf ein Horrorszenario nach dem anderen. Von Menschen, die sich über ihre Followerzahlen definieren und Hachern. Von schlechter Musik und Langeweile. Je mehr er sich in Rage redete, desto weniger war ich gewillt, ihm zu glauben. Es könnte nicht SO schlimm sein. Unmöglich.
Ich fuhr und ließ ihn mit den Zeitungen zurück. Hörte Michael Jackson auf dem Weg dorthin, brachte mich in Partystimmung, verlief mich, kam schließlich an. Nach drei Minuten war klar: der Mitbewohner hatte recht mit seiner Warnung. Ich bat ihn, mich zu retten, aber er konnte nicht. Er war gerade in ein Gespräch mit der Zimmerpflanze vertieft. Ich versuchte mich in Kommunikation mit Menschen, setzte mein Begeisterungsgesicht auf, wenn mir unbekannte Abkürzungen und langweilige Geschichten entgegen geworfen wurden. Ich war gefangen in einem Club von 200 besten Freunden mit eigener Sprache, eigenem Habitus, eigenem Hashtag und gehörte nicht dazu. Ließ mich fragen, ob ich denn vielleicht noch unter einem bekannteren Namen twittere, man kenne mich nicht. „“Bist Du öfter hier?“ hieß hier: „Folgen wir uns gegenseitig?“ „Und? Was machst Du so auf Twitter?“ galt als passender Gesprächseinstieg, „Ab jetzt wird aber zurückgefolgt“ eine drohende Verabschiedung. Ich hörte traurige Geschichten über Entfolgungen und nicht zurückfolgen. Beobachtete Ausdruckstänze. Sehnte mir eine Zimmerpflanze zur Unterhaltung herbei und bekam aufmunternde Nachrichten des Mitbewohners. Zum Glück wirkt es in Nerdkreisen nicht allzu dämlich wenn man sein Handy anlacht. Ich suchte Zuflucht im Alkohol, der Musik und einem arroganten Gesichtsausdruck. Nichts half. Ich ging. Es kam zu keinerlei Followeraustausch.

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