Über die Nötigkeit von Hebammen

Geburten sind hart, schmonzig und schmerzhaft und wäre da nicht das Endergebnis wären sie hölligst. So die allgemeine Meinung. Meine, bzw. die Geburt des Söhnchens hingegen war schön. Natürlich waren da auch Schmerzen, ziemlich viele sogar und ziemlich furchtbare, natürlich habe ich auch geflucht, mich gefragt, wie man auf die absurde Idee kommen kann, freiwillig mehr als ein Kind zu bekommen und den Freund höflichst daraufhin gewiesen, dass ich langsam nicht mehr kann und er doch bitte seinen Sohn zu etwas mehr Mithilfe und Eile ermutigen solle. Aber abgesehen davon war es eine sehr sehr schöne Geburt. Das lag nicht daran, dass es besonders schnell gegangen wäre, es lag an unserer großartigen Hebamme, der wunderbaren Hebammenschülerin und unserer Entscheidung im Geburtshaus zu entbinden.

Die Schwangerschaft war eine große Überraschung, vollkommen unerwartet aber sehr bald sehr gewollt, trotz aller Unklarheiten. Wir wussten nicht wie es mit uns weitergehen würde, wo wir wohnen würden, wie wir mit allem und uns umgehen würden. Das einzige was wir sehr bald wussten war, dass wir unser Kind nicht im Krankenhaus sondern im Geburtshaus bekommen wollten. Wir hatten beide unabhängig voneinander Freunde die dort ihre Kinder bekommen hatten, empfanden Krankenhäuser nicht als die gemütlichsten aller Orte und ich wusste, ich wäre zu Hause nicht entspannt genug, ein Kind zu gebären. Geburtshaus also. Die Entscheidung fiel irgendwann nebenbei und stand nachdem wir zu einem Infoabend dort waren.
Freunde und Bekannte bezeichneten uns häufig als mutig, was sie wirklich dachten war vermutlich eher „wahnsinnig, unvorsichtig und hippiesk.“. Eine Geburt sei doch gefährlich ohne Ärzte in der Nähe, was da alles passieren könnte, und überhaupt, so ohne PDA, das sei doch viel zu schmerzhaft, am besten wär doch eigentlich ein Kaiserschnitt. Wir blieben bei unserem Entschluss, vertrauten auf uns, meinen Körper und die Hebammen auch wenn es eine kleine Beruhigung war, dass sich direkt neben dem Geburtshaus unserer Wahl eine Klinik befindet und wir somit nur über den Hof hätten gehen müssen, hätte es Komplikationen gegeben.
In den Monaten vor der Geburt fuhren wir alle vier Wochen hin, redeten, klärten unsere Unklarheiten, ließen den Bauch abtasten und lernten wie wir selber tasten können, wir ließen uns beruhigen, wenn wir mal wieder durch die Ärztin beunruhigt worden waren, lernten uns, die Hebammen und die Räume (besser) kennen.
Zur Geburt fuhren wir nicht an einen fremden Ort, wir fuhren in vertraute Räume, mit vertrauten Geräuschen, Gerüchen und Gerätschaften, zu einer Badewanne, in der ich bereits einmal Probe saß und zu Geburtshöckerchen, die wir im Geburtsvorbereitungskurs bereits getestet hatten. Wir fuhren zu einer Hebamme, die uns zumindest ansatzweise kannte und wir fuhren zu Pina Colada Tee.
Wir fuhren zu einer Geburt, die unsere Geburt werden sollte, nicht die irgendwelcher Ärzte.
Davon, dass das Kind irgendwie rauskommen würde, war ich überzeugt. Die Frage war nur das wie. Ich vertraute meinem Körper. Wer es schafft, innerhalb weniger Monate aus einem winzigen Zellhaufen einen kompletten Menschen zu erschaffen, der würde es auch schaffen, diesen Menschen frei zu geben. Und genau das wollte ich erleben. Bewusst. Mit Schmerzen zwar aber dafür auch mit Menschen, denen ich vertraue. Selbstbestimmt. Ich kannte Geburtsberichte von Frauen, die plötzlich ganz alleine im Kreißsaal lagen. Von Frauen, die Spritzen und Mittelchen bekamen, von denen sie selbst nicht wussten, wofür. Das wollte ich nicht. Ich wollte einen Raum, in dem ich mich wohl fühle. Selbst entscheiden, ob oder was ich brauche. Vertrauen. Und genau das bekam ich. Ich vertraute in den neun Stunden, die es dauerte bis das Kindchen endlich da war nicht nur dem Freund vollkommen, sondern auch den Hebammen und vor allem mir selbst. Weil sie mir das Vertrauen gaben. Ich konnte sicher sein, dass sie erst dann eingreifen würden, wenn es wirklich gar nicht mehr ginge und nur so konnte ich mich auf die Geburt konzentrieren und nebenbei scherzen, weil ich wusste, sie würden uns auf unserem Weg begleiten, statt uns einen anderen vorzugeben.

Der Freund und ich hatten ab dem 5. Monat regelmäßigen Kontakt zu Hebammen. Sie besprachen mit uns, was wir mit Ärzten nicht besprechen konnten, beruhigten uns, wo die Ärztin uns aufschreckte und gaben uns immer das Gefühl, das richtige zu tun. Sie waren eine Unterstützung vor der Geburt, bei der Geburt und nach der Geburt. Medizinisch und moralisch. Weil sie sich die Zeit nahmen nicht nur das nötigste abzuklären sondern auch alles andere. Wenn man einmal nachrechnet, wie viel eine Hebamme verdient, wie viel sie leistet und wie viel sie an Versicherung zahlen muss, hat sie diese Zeit eigentlich nicht. Zumindest nicht, wenn sie von ihrem Gehalt leben will, eventuell sogar noch Kinder ernähren muss und Wert auf Freizeit legt.
Ohne unsere Hebamme hätten wir nicht die Geburt gehabt, die wir hatten und die wir wollten. Ohne unsere Hebamme wäre aus mir sicher nicht so schnell die Mutter geworden, die ich jetzt bin, wir wären beide nicht die selbstbewussten Eltern, die wir jetzt sind. Sie nahm sich die Zeit mich vorher gut auf alles was auf uns zukommen kann vorzubereiten, ehrlich aber ohne Panik zu verbreiten. Nach der Geburt nahm sie sich die Zeit nicht nur mich und das Kind zu untersuchen, sondern uns zu unterstützen, mit uns zu hinterfragen, und uns in unseren Entscheidungen zu bekräftigen. Und deswegen brauchten wir sie. Mehr als eine PDA, Wehenverstärker, Vollverpflegung im Krankenhaus oder einen Oberarzt.
Wir hatten eine schöne Geburt und eine wunderschöne erste Zeit mit unserem Nachwuchs, und genau das sollte jeder haben. Das bedeutet nicht, dass jeder ins Geburtshaus sollte, das ist jedem selbst überlassen natürlich, aber jeder sollte die Chance auf die Geburt haben, die er sich wünscht. Und dazu brauchen wir Hebammen, die von dem Beruf leben können, den sie lieben. Aber dazu brauchen wir erstmal Unterschriften:

 http://www.campact.de/hebammen/sn1/signer

Das Geburtshaus: http://www.geburtshaus-berlin.de/

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2 Antworten zu Über die Nötigkeit von Hebammen

  1. teelo schreibt:

    Ein herzergreifendes Plädoyer für die Hebammen. Bitte unterschreibt!

  2. brausebretzel schreibt:

    Hat dies auf Schietwetter statt Brausebretzel rebloggt und kommentierte:

    Hebammen haben ab 2015 keine Möglichkeit mehr, sich zu versichern. Es wird also keine Möglichkeit mehr geben, in Deutschland selbstbestimmt ein Kind zur Welt zu bringen. Wahlfreiheit bedeutet dann, man hat die Wahl, in welches Krankenhaus man geht. Ich möchte das nicht. Mehr Infos hier:http://www.hebammenverband.de/aktuell/nachricht-detail/datum/2014/02/13/artikel/versicherungsmarkt-fuer-hebammen-bricht-zusammen/

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