Gelesen und geliebt: Alexandra Tobor – Sitzen vier Polen im Auto

Mitte/Ende der 80er Jahre war Polen für mich das Land, in dem meine Oma als Kind lebte. „Schlefien“ las ich in altdeutscher Schrift auf der Karte in ihrem Flur.  Polen war das Land in das wir, die Großeltern, Mama und ich zusammen reisten, um ihr  Geburtshaus  zu suchen. Und die Schule in der mein Urgroßvater einst lehrte. Das Land, in dem ein riesengroßes, wunderschönes Rathaus stand, ein Land, in dem ich von fremden Menschen eine Puppe geschenkt bekam und in dem ich auf kleine Kinder neidisch war, die von meiner Mutter mit rosa Kaugummi mit Disneybildchen beschenkt wurden.
Ich selbst wuchs in Westdeutschland auf, kaute HubbaBubba, wünschte mir Kleidung von Otto, Quelle und C&A und fuhr meine zahlreichen Puppen in drei verschiedenen Puppenwägen durch die Gegend. Für Alexandra Tobor, wie ich Jahrgang 81, schien genau das das Paradies zu sein. Sie verbrachte ihre Kindheit in Polen, kam im August 1989 mit ihrer Familie nach Westdeutschland und schrieb darüber jetzt ein Buch.
Die Geschichte von „Sitzen vier Polen im Auto“ ist an sich schnell erzählt. Die kleine Ola träumt von einem Leben in der BRD, von der sie so viel ahnt und so wenig weiss. Sie wünscht sich ein Leben wie im Quellekatalog in einem Land, in dem jeder seine eigene Coladose hat. Sie möchte keine typische polnische Frau werden sondern eine selbstbestimmte, die schreibt und davon lebt. Um ihren Traum zumindest ein wenig leben zu können tauscht sie ihr Spielzeug gegen Hariboverpackungen und leere Coladosen. Mit acht Jahren scheinen sich ihre Wünsche zu erfüllen, ihre Familie fährt raus. Ola landet mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder in einem fremden Land, in dem alles anders und nur teilweise so ist, wie erträumt.
Alexandra Tobor beschreibt mit viel Liebe und Witz die besonderen Alltäglichkeiten, die sich ihr bieten. Ihr erstes Wassereis. Die leeren Kirchen. Die Aufregung vor dem ersten Supermarktbesuch und die bange Frage, ob man dort Eintritt zahlen muss. Aber auch die Reaktionen manch anderer Menschen, Polen und Deutschen, die nichts mit ihr zu tun haben wollen, weil sie zu anders oder manchmal vielleicht auch zu gleich ist.
Alexandra Tobor beschreibt so zauberhaft und auf positive Weise naiv und realistisch diese für sie neue Welt voller magischer Türen, die sich von selbst öffnen, dass man sich während des Lesens wieder als Kind fühlt, das mit großen Augen diese Welt entdeckt. Doch auch die Realität der Erwachsenen mit ihren Herausforderungen kommt nicht zu kurz. Dass es der Rock und die Hose heisst, lässt sich vielleicht nicht verstehen aber lernen. Nur, wieso tragen Westdeutsche trotz ihres Reichtums zerrissene Hosen?
Man lebt und leidet mit Ola mit, wenn sie von ihrer ersten großen Liebe erzählt, von den Eigentümlichkeiten und Besonderheiten sowie ihrer polnischen Verwandtschaft als auch des neuen Lebens. Und wenn das Buch nach 267 Seiten endet ist man gleichermaßen glücklich, dass Ola alle ihre einhundertelf Tode überlebte, wie auch traurig, dass es nun nicht weitergeht. Bleibt zu hoffen, dass es bald einen zweiten Band gibt.
Was aber bleibt ist Freude. Über das Buch und all diese seltsamen Alltäglichkeiten die sich uns bieten.

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