Wie ich einmal einen Fahrradanhänger kaufen wollte und über meine soziale Inkompetenz aufgeklärt wurde

Fahrradanhänger (Symbolbild)

Fahrradanhänger (Symbolbild)

Wir brauchen einen Fahrradanhänger. Das hat nichts mit wünschen oder wollen zu tun, wir BRAUCHEN ihn. Natürlich verfügen auch wir über ein großes Angebot an Babyfortbewegungsmitteln, aber wer schon mal regelmäßig vor nicht funktionierenden oder von TrolleyschiebendenMädchen besetzten Aufzügen der Berliner Verkehrsbetriebe stand, weiß, wie lustig das ist. Tragetücher und diverse andere Tragehilfsmittel sind natürlich großartig für alle Beteiligten, aber es ist ein wenig anstrengend, dass ständig fremde Frauen Grimassen in Richtung meiner Brüste schneiden und sie anwinken. Kind hin oder her.

Ein Fahrradhänger also. Wir taten, was man in solchen Fällen so tut, wir wälzten das Internet, lasen Erfahrungsberichte und verglichen Testergebnisse, durchsuchten Fahrradgeschäfte und verglichen Kindergesichter in diversen Anhängern. Sahen sie glücklich aus? Anhänger mit weinenden oder gar brüllenden Kindern darin flogen sofort von der Liste. Ebenso Anhänger mit verletzten oder hässlichen Kindern.

Nach stiller Suche kam irgendwann die Zeit, sie öffentlich zu machen. Ein Händler der unsere Wunschmarke führte war schnell gefunden. Ich schnallte mir das Kind vor die Brust, ließ selbige noch mal anwinken, los gings. Der Händler begrüßte mich bereits vor der Tür, hörte sich meinen Wunsch nach einem Anhänger an und führte mich sofort zu einem Zweikindermodell. Dieses sei das Beste, Bodenwanne, Seitenpollerschutz, alles super. Kinder könnten hier, im Gegensatz zu anderen Modellen, problemlos reinkotzen, der Boden sei abwaschbar. Ich schlug vor, einen Teppich zu verlegen, nicht lustig. Auch der würde vollgekotzt, kennt man ja, Kinder, geruckel, Kotze. Ich nickte, lächelte, hörte zu und fragte schließlich nach dem Einkindmodell der selben Marke. Es war die falsche Frage. Seine Stirn runzelte sich, er schaute mich an, als hätte ich eben in seinem alternativen Radladen nach einem SUV gefragt. Ein Einkindmodell sei ja wohl eher was für die Dame, die öfters mal hin und her fliegt und dabei auf ihr kleines schickes Anhängerchen nicht verzichten möchte, hier in der Stadt sei ein Zweikindmodell unabdingbar, schließlich führe man ja auch mal auf den Spielplatz, in die Kita und zum Muttitreff. Kinder seien doch soziale Wesen, die könnte man nicht einfach von anderen Kindern separieren, schon gar nicht im Fahrradanhänger. Schlimm genug, dass in meinen Kinderwagen nur ein Kind passte. Letzteres sagte immerhin nur sein Blick. Wer hätte das gedacht. Wir hatten Pro und Contra Listen angefertigt, versucht für jede denkbare Gefahr eine Lösung zu finden, Fahrradhelm, Überrollbügel, Regen- und Sonnenverdeck, UV-Schutzscheiben und dabei die größte Gefahr übersehen: Freunde.

Ich bedankte mich bei dem Verkäufer und ging schnell nach Hause, es gab erstmal wichtigeres als einen Fahrradanhänger. Ich bestellte sofort ein zweites Kinderbett und einen Geschwisterkinderwagen. Das Tragetuch legte ich in einer Tasche neben die Manduca, um ab sofort immer zwei Tragemöglichkeiten dabei zu haben. Unser Sohn sollte kein sozial abgeschottetes Wesen sein, von dem wir in ein paar Jahren als Computerspielendesmitmenschenerschiessendes Monster in der Zeitung läsen. Unser Kind würde immer Freunde in seinen Wagen, seinen Anhänger oder auf den Rücken seiner Eltern einladen können. Dafür würde ich sorgen.

Advertisements
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Kinderliebe, Leben in Berlin veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s