Fragen

Heute morgen:
wie quasi jeden Tag pack ich den Sohn in der Hausdurchfahrt in den Fahrradhänger, heute ohne Fahrrad, gebe ihm seine Futterbox, verstaue noch ein paar Taschen. Plötzlich ein großer, schwarzgekleideter Mann in der offenen Tür. Er ist aufgeregt, brüllt etwas von „gefährlich“ und „auf keinen Fall die Tür (zum Hof) öffnen“ und rennt wieder weg.  Ich erschrecke mich, beruhige den Sohn und mich aber damit, dass der Mann vermutlich verwirrt ist, und dass ich hoffe, dass ihm irgendwie geholfen wird.
Als ich den Hänger raus auf den Gehweg schiebe, sehe ich vor dem Nachbarhaus einen kleinen Menschenhaufen. Eine Frau und zwei (?) Männer die versuchen einen dritten ebenfalls sehr aufgebrachten Mann mit Mütze festzuhalten. Der schwarzgekleidete Mann von eben rennt weiter unten aufgeregt hin und her. Der Mann mit der Mütze kann sich irgendwie lösen und rennt in meine Richtung. „Halten Sie ihn fest“ „Machen Sie ein Foto“ rufen die anderen, während sie ihm hinterherrennen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Mein Kind ist dabei. Ist der Mann „böse“? Kann ich drauf vertrauen, dass er mir nichts tut weil ich eine Frau bin? Worum zur Hölle geht es hier eigentlich? Ich strecke ein Bein aus und trete ihm irgendwie gegens Schienbein. Stolpernlassen, das machen die in Krimis immer, mit Krimis kenn ich mich aus. Einer der Männer hält ihn fest, es gibt eine Rangelei, aus der Tasche des Mannes mit der Mütze fällt eine Menge Papier auf den Boden, ich möchte dazwischen gehen, mich aber nicht vor den Augen des Kindes verprügeln lassen. Er wirkt sehr wütend, ruft irgendwas auf englisch. „Machen Sie ein Foto ruft die Frau wieder. Ich schiebe ihr den Hänger mit Kind zu, sie steht etwas abseits. Es widerstrebt mir Fotos eines Fremden zu machen. Ich weiß immernoch nicht, was er eigentlich getan hat. „Sollten wir nicht lieber die Polizei rufen?“ frage ich. Die Polizei ist bereits informiert, steht aber im Stau. Auch die Nachbarin von oben bietet aus ihrem Erker heraus nochmal an, die Polizei zu informieren. Mein Handyspeicher ist voll, ich mache zwei Bilder auf denen man so gut wie nichts erkennt. Die Männer haben sich inzwischen getrennt, der Mann mit der Mütze sammelt seine Papiere auf, das Martinshorn kommt näher, mit ihm auch wieder der schwarzgekleidete Mann. Ich frage den Mann neben mir was eigentlich passiert ist. Der Mann mit der Mütze wollte wohl Flyer verteilen, der schwarzgekleidete hat ihm den Zutritt zum Haus verwehrt. Daraufhin hat ihn der Mann mit der Mütze geschlagen. Die anderen Männer und die Frau sind alles Nachbarn des schwarzgekleideten.
Als die Polizei da ist, sage ich der Frau wo ich wohne und bringe das ungerührt Rosinen mampfende Kind in den Kinderladen. Als ich eine halbe Stunde später nach Hause komme, liegt nur noch ein kleiner Stapel Papier da. Was bleibt ist ein Berg Fragen:

  • wie kann ich in solchen Situationen helfen, wenn ich keine Ahnung habe, worum es eigentlich geht?
  • nur weil mehrere Menschen gegen einen vorgehen, heisst das noch lange nicht, dass sie im Recht sind. Das erleben wir in letzter Zeit ja leider häufiger.
  • kann ich mir soweit vertrauen, dass ich solche Situationen richtig einschätze?
  • hätte ich dem Mann mit der Mütze irgendwie helfen müssen? IHN fragen was eigentlich los ist? Wäre ich an ihn ran gekommen? Er sprach Englisch mit Akzent wenn ich richtig gehört habe, war das sein Versuch mit uns zu kommunizieren, indem er eben englisch und nicht seine Muttersprache sprach?
  • wie hätte ich gehandelt, wenn das Kind nicht dabei gewesen wäre? Ich nicht eigentlich unter Zeitdruck gewesen wäre? Wäre ich dann mutiger gewesen?
  • Hätte ich mutiger sein müssen?

Im Endeffekt lief, glaube ich, alles gut ab. Aber ich wünsche mir eine Art Erste-Hilfe-Kurs für solche extremen Alltagssituationen. Ich habe verschiedene Erste-Hilfe- und einen Brandsicherheitskurs gemacht. In diesen Bereichen fühle ich mich sicher. Aber bei sowas?
Ich hab keine Ahnung.

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Eine Antwort zu Fragen

  1. percanta schreibt:

    Schwierig, und keine der Fragen ist so einfach zu beantworten. Die letzte vielleicht am ehesten: Wenn mutiger sein heißt, die Situation zu hinterfragen, vielleicht – aber mutiger im Sinne von (erwachsene) Menschen auseinandertreiben, die aufgeregt sind, aber nicht in erkennbarer Gefahr, verletzt oder dabei, dies zu tun? Nein. Vor allem nicht, wenn Du gar nicht weißt, was vorher geschehen ist und wenn niemand offenbar verletzt etc. ist. Ich fürchte, man muss erst die oberen Fragen beantworten können… Und ja, Gruppendynamik kann trügerisch sein. Vielleicht ist ja der, den Du aufhalten wolltest, vor ihrerseits „Bösen“ geflohen, die auch noch in der Mehrheit waren, wie Du ja oben überlegst. Dann ist „mutig sein“ auch eine Interpretationssache.

    Ich war mal Zeugin eines bewaffneten Überfalls. Das war eindeutig, ich war wie Du in Eile, aber ohne Kind – und die Situation etwas klarer: zwei Männer stürmen aus einem Juweliergeschäft, einer mit einer Pistole in der Hand, ihnen folgt der aufgeregt schreiende Besitzer mit wehendem Schlips, alle laufen auf mich zu.
    Wie bei Dir war mein Reflex, den Flüchtenden ein Bein zu stellen. Anders als Du habe ich es nicht getan, was angesichts des Pistolengefuchtels wohl auch schlauer war. (Und Mut nicht mutig, sondern dumm.) Stattdessen habe ich von der Telefonzelle (!) hinter mir die Polizei gerufen und telefonisch den Streifenwagen hinter den Flüchtenden her dirigiert und eine Personenbeschreibung gegeben. Die Polizei hat die beiden ein paar Ecken weiter gestellt und die Beute (mehrere Uhren, Wert mehrere zigtausend Euro) gesichert. Ich habe solange beim Juwelier gewartet und meine Zeugenaussage gemacht.
    (Der Dank war übrigens ein lascher Händedruck. Kein Plädoyer fürs Wegschauen, aber: Viel größer wären Erfolg und Dank auch nicht ausgefallen, wenn ich den Pistolenfuchtler umgeworfen hätte. Aber mein Leben wäre dann vielleicht anders verlaufen, möglicherweise auch kürzer.)

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