Der Breitscheidplatz, 3 km und ich

Knapp 3 km ist der Breitscheidplatz entfernt von meinem Bett. 3 km ist schrecklich nah. Schrecklich. Früher hing ein Poster von ihm in unserem Klo, bis es 1990 durch ein Poster des Mauerfalls abgelöst wurde. Als Kind tappte ich über den Platz und erfreute mich am Mercedesstern wenn wir die Omi in Berlin besuchten. Vor 2 Jahren verbrachte der Sohn das erste Mal ein Wochenende ohne mich bei den Großeltern. Nachdem ich ihn am Bahnhof Zoo abholte, gingen wir auf den Weihnachtsmarkt und ich zeigte ihm das erste Mal einen großen, funkelnden Weihnachtsbaum. Das war ziemlich genau an der Stelle, an der der LKW gestern durchpreschte. Der Breitscheidplatz ist Teil „meiner“ Stadt. Ich knutschte dort weltvergessend, überquerte ihn mit vollem Kopf nach Zoopalastkinoabenden oder angetrunken nach Konzerten. Er war meine Abkürzung nach langen Arbeitstagen und Fahrradfahrten ohne ausreichend Licht. Ich quetschte mich entnervt durch Touristen auf der Suche nach Essen oder mehr Platz. Aß dort Poffertjes und grübelte über Weihnachtsgeschenke und andere Käufe. Aß Bratwürste und genoß des Weihnachtsgeglitzer vor Arbeitsabenden. Er war meist ein Übergangsplatz für mich, selten Ziel, selten zum verweilen gedacht. Aber er gehört dazu. Zu meiner Welt. Ist mir nah. Eine viertelstunde mit dem Rad, eine halbe Stunde zu Fuß. Ich würde gerne sagen, ich habe keine Angst. Jetzt erst Recht. Die Wahrscheinlichkeit von einem Auto überfahren zu werden oder die Treppe runter zu stürzen ist höher als durch einen Anschlag welcher Form auch immer ums Leben zu kommen. Realität ist aber: ich weiß es nicht. Ich bin eigentlich kein ängstlicher Mensch, bin gut im verdrängen, aber ich weiß nicht, ob ich jetzt Angst habe. Haben sollte. Es ist zu nah. 3 km.

Der Sohn, der von allem nichts mitbekam, bestand heute morgen darauf, dass ich ihm die Nase rot anmale. Damit die Leute lachen und sich freuen wenn sie ihn sehen. Vielleicht sollten wir uns darauf konzentrieren. Menschen Freude bereiten. Dieser ganz normale Alltagsscheiß. Türen aufhalten. Lächeln. Wildfremden Komplimente machen. Danke, Bitte, Hallo und Tschüß sagen beim einkaufen. Den Post- und Paketboten Plätzchen mitgeben. Lächeln.

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